Nur an Schnittstellen entsteht echter Dialog, nur Schnittstellen führen zu den Lösungen, die wir brauchen
Schnittstellen /// interfaces – unter diesem Motto findet vom 21. bis zum 25. März 2012 die 9. Akademie für Journalismus, Bürgermedien, Öffentlichkeitsarbeit und Medienkompetenz in Berlin statt. Sie widmet sich den Megatrends Digitalisierung und Multi-Kommunikation und damit auch den Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine. Sie widmet sich ebenso den Schnittstellen zwischen Kultur, Medien und Gesellschaft.
Es sind im Wesentlichen drei Erkenntnisse, die den Medienkongress unter dem Schnittstellen-Thema zu einem gesamtgesellschaftlich relevanten Kommunikationskongress machen. Erstens: Nur an Schnittstellen entsteht echter Dialog – der Dialog ist förmlich das Wesen von Schnittstellen. Zweitens: Erst Schnittstellen, die unterschiedliche – auch vermeintlich gegensätzliche – Bereiche miteinander verbinden, führen zu den Lösungen, die wir angesichts der großen gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen benötigen. Drittens: Politische Macht wächst mit der Vielzahl und Qualität von Schnittstellen, die bewusst eingesetzt werden.
Der Austausch zwischen dem Ich und dem Du
Von denjenigen, die – als Lehrende oder als Lernende – in den vergangenen Jahren die LiMA besucht haben, wird das Klima der Offenheit gelobt und die Tatsache, dass so viele unterschiedliche Menschen zusammen kommen – die ihre Unterschiedlichkeit ganz offensichtlich als Bereicherung empfinden. Ihrem Wunsch nach Dialog wird die LiMA in diesem Jahr in besonderem Maße entsprechen.
Bei angstfreier, neugieriger und offener Begegnung entsteht Neues. Das ist aber nicht zu machen, wenn ein oder mehrere Dialogpartner auf ihren eigenen Ideen, Meinungen und Sichtweisen beharren. Schnittstellen entstehen überhaupt erst durch den Dialog: es sind die Berührungspunkte, über welche die Kommunikation stattfindet. Das freie, unzensierte Gespräch oder die unbehinderte Meinungsäußerung in den digitalen sozialen Netzwerken sind solche Schnittstellen, die zwischen den Dialogpartnern entstehen. Und aus Sicht der Dialogphilosophie ist dieser Weg zukunftsweisend: Die Dialogphilosophie fragt unter anderem, wie über sinnvolle Dialoge humane Zukunft gestaltet werden kann. Darum genau soll es gehen, wenn Schnittstellen im links-alternativen Kontext thematisiert werden."
Lösungen durch Austausch seit Aristoteles
Überhaupt nicht neu ist die Erkenntnis, das Lösungen im Austausch zwischen den Disziplinen gefunden werden. In der Geschichte der Philosophie finden sich viele bedeutende Denker, die fachübergreifend gedacht haben. In der griechischen Klassik kann auf Aristoteles verwiesen werden. Die Quintessenz seiner Arbeit liegt nicht nur in den Fragen 'Warum?' und 'Wozu?' begründet, sondern auch in der Erkenntnis, dass in der Praxis Annahmen nicht allgemeingültig sind. Sie müssen vom Gegenüber anerkannt werden. Deswegen steht nicht das Wissen im Vordergrund, sondern die Einsicht. Also geht es nicht nur um den Dialog, der an einer Schnittstelle stattfindet, sondern auch um ein gemeinsames Verstehen des Dialogpartners. Das gegenseitige Verständnis wiederum ist Voraussetzung für Lösungen, die gemeinsam entwickelt werden können.
In Zeiten, in denen das universelle Wissen explosionsartig wächst und das den Einzelnen immer spezieller wird, bilden immer mehr Menschen aus verschiedenen Disziplinen gemeinsame Schnittstellen. Das wird vor allem in den Wissenschaften deutlich. Aber auch Politik und Verwaltung binden Bürgerinnen und Bürger zunehmend ein. Ein neues und populäres Beispiel ist der Brandenburger Maerker: Bürgerinnen und Bürger aus Berlin und Brandenburg können ihre Kommune online über infrastrukturelle Probleme informieren, und sie werden ihrerseits online über die Behebung der Probleme auf dem Laufenden gehalten.
Insgesamt kann man feststellen, dass in vielen Bereichen von Kultur, Medien, Gesellschaft, Wissenschaft und Politik das Paradigma der Interdisziplinarität immer bedeutsamer wird – und so die bisherige Verspartung überbrückt. Da an den immer wieder neu entstehenden Schnittstellen Lösungen möglich werden, die vorher womöglich nicht gesehen werden konnten, rückt der gesellschaftliche Nutzen von Schnittstellen immer mehr in den Blickpunkt."
Lösungen an die Macht
Die Sekretäre, Assistenten und Berater – sie sitzen in den Vorzimmern, an den Schnittstellen zur Macht. In seinem Buch "Gespräch über die Macht und den Zugang zum Machthaber" schreibt Carl Schmitt, dass nicht der Machthaber der eigentlich Mächtige sei, sondern jene Personen, die den Zugang zum Machthaber haben. Jeder Machthaber ist, so Carl Schmitt, "auf Berichte und Informationen angewiesen und von seinen Beratern abhängig."
Betrachten wir die Macht der Medien. Hier haben wir das Phänomen, dass Menschen Wirklichkeiten schaffen können, die dann viel mächtiger sind als sie selbst. Ein Beispiel: Wenn ein Boulevardblatt knapp zwei Wochen vor Weihnachten Details über Privatkredite des Bundespräsidenten veröffentlicht und mit Vorwürfen versieht, dann entwickelt dieser Gegenstand eine eigene "Wirklichkeit der Macht". Selbst wenn das Boulevardblatt eine Woche später hätte umsteuern wollen, wäre es ihm vermutlich nur unter größtem Aufwand gelungen. Der Gegenstand hatte sich durch die ihm eigene Macht bereits soweit verselbständigt, dass es letztlich nicht mehr die Frage war, was wahr war oder nicht, sondern lediglich, wie sämtliche Akteure damit umgehen.
Nicht nur Medien, auch Künstler haben immer politische und gesellschaftliche Entwicklungen, haben Revolutionen und Auseinandersetzungen, begleitet, haben sich mit sozialen Bewegungen identifiziert und Schnittstellen zu Menschen aus anderen Sphären gebildet.
All diese Standpunkte machen deutlich, wie wichtig und sinnvoll es ist, selbst etwas zu tun: Schnittstellen zu bilden, den grenzüberschreitenden Dialog zu suchen, Netzwerke zu knüpfen – und die Macht auszuüben, die man hat.